Themenbereich 3 – Therapie

Abstracts NAKSE 2021

„Erfolgreiche Therapie bei MRKH-Syndrom (Uterus- und Vaginalaplasie)"

Die angeborene Uterus- und Vaginalaplasie im Rahmen eines Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndroms (MRKHS) kommt bei 1 von 4500 weiblichen Lebengeborenen vor. Aufgrund fehlender Symptome fällt die Diagnosenstellung zumeist in die vulnerable Phase der Pubertät. Betroffene Mädchen fallen dann durch ein Ausblieben der Periodenblutung bei ansonsten unauffälliger Pubertätsentwicklung oder der Unmöglichkeit zur Kohabitation auf. Erstes therapeutisches Ziel ist es, den Betroffenen ein normales Sexualleben zu ermöglichen. Hierfür stehen konservative und operative Möglichkeiten der Neovagina-Anlage zur Verfügung. Langzeitdaten zeigen am Beispiel der laparoskopisch-assistierten Neovaginaanlage geringe Komplikationsraten sowie eine im Vergleich zu altersähnlichen Kontrollgruppen vergleichbare sexuelle Zufriedenheit.

Im weiteren Verlauf wird die absolute uterine Infertilität immer relevanter. Hier kommt neben anderen Methoden wie Adoption und Leihmutterschaft im Ausland, seit 2016 auch in Deutschland (Tübingen) für streng ausgewählte Empfängerinnen und Spenderinnen die Gebärmuttertransplantation in Frage. Mehrere Patientinnen wurden hier bereits erfolgreich transplantiert und sind Mütter geworden.

Presenterin: Prof. Dr. med. Katharina Rall, Zentrum für seltene genitale Fehlbildungen der Frau (ZSGF), Uni-Frauenklinik Tübingen

 

„Hürden nach Zulassung: Das Projekt new(s)-TRDs news and support with new therapies in rare diseases am Essener Zentrum für seltene Erkrankungen (EZSE)"

Seltene Erkrankungen werden zunehmend therapierbar, doch nicht nur der Zulassungsweg eines neuen Medikaments für seltene Erkrankungen ist beschwerlich, auch die praktische Umsetzung bis hin zum Start der Therapie birgt Hürden.

24 erwachsene Patienten mit spinaler Muskelatrophie (SMA) wurden nach Ihren Erfahrungen im Prozess bis zum Therapiebeginn mit dem 2017 zugelassenen antisense Oligonukleotid Nusinersen (Spinraza©), dem ersten Medikament zur Therapie der SMA befragt. Knapp ein Drittel gaben an über Patientenregister und Selbsthilfegruppen von der Zulassung von Nusinersen erfahren zu haben. Der soziale Umkreis (Freunde und Bekannte) waren mit 19% häufigere Informationsquelle als behandelnde Ärzte (16%). Nur die Hälfte der befragten Patienten hat sich unmittelbar nach Kenntnis der Zulassung von Nusinersen zur Behandlung entschlossen. Gründe hierfür waren vielfältig, wobei das Abwarten des Arztgespräches in Behandlungszentren mit 58% dominierte, gefolgt von unter anderem Angst vor Nebenwirkungen (33%) und nicht eindeutiger Studienlage (25%). Im Mittel 11 Monate bis zum Therapiestart vergingen nach getroffener Therapieentscheidung. Hierbei spielten Kostenübernahmebewilligungen und strukturelle Begebenheiten (z.B. langer Weg zum Therapiezentrum) eine wesentliche Rolle.

Diese Daten zeigen die große Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Patientenregistern und Ärzten in spezialisierten Zentren, aber auch den Bedarf der Optimierung der Phase nach Zulassung einer Therapie für seltene Erkrankungen. Basierend hierauf entsteht am Essener Zentrum für seltene Erkrankung (EZSE) das Projekt new(s)-TRDs news and support with new therapies in rare diseases. Ziel dieses Projektes ist die identifizierten Hürden durch verbesserte Information und Hilfestellung zu reduzieren mittels zielgruppenorientierter Wissenschaftskommunikation (Patienten und niedergelassene Ärzte) und der Ausweitung der Schnittstellenfunktion des A Zentrums zwischen Patientenregistern und Spezialsprechstunden für seltene Erkrankungen.

Presenterin: Dr. med. Alma Osmanovic, Essener Zentrum für seltene Erkrankungen EZSE, Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen

Weitere Autorinnen und Autoren: Susanne Petri, Klinik für Neurologie, Medizinische Hochschule Hannover; Frank Kaiser, Essener Zentrum für Seltene Erkrankungen (EZSE), Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen

 

„Klinische Informationsstelle für Seltene Erkrankungen (KLINSE)"

Seit dem Frühjahr 2021 gibt es am Zentrum für Seltene Erkrankungen in Tübingen die Klinische Informationsstelle für Seltene Erkrankungen (KLINSE).
Die KLINSE bietet eine ärztliche Dienstleistung an und wendet sich an Ärzt:innen, die Patient:innen betreuen, bei denen eine genetische seltene Erkrankung diagnostiziert wurde und die auf der Suche nach Informationen zu weiteren Versorgungsmöglichkeiten sind. Die Ärztinnen der KLINSE stellen angepasst an die individuellen Fragestellungen Informationen zu möglichen Therapien, zu entsprechenden Spezialzentren und Experten, zu weiteren Behandlungsoptionen, Vorsorgemöglichkeiten, aktuellen Studien sowie Netzwerken und Patientenorganisationen zusammen.
Ziel dieses Angebots ist es, einen Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung zu leisten, indem behandelnden Ärzt:innen für die passende Behandlung der Patient:innen hochqualitative Informationen bereit gestellt werden. Hierfür übernehmen die Ärztinnen der KLINSE die oft zeitaufwendige Recherche zu den jeweils relevanten Themenfeldern. Dank guter Vernetzung ist der direkte Zugriff auf Expertenwissen möglich. Die Ergebnisse werden den behandelnden Ärzt:innen systematisch zur Verfügung gestellt. Die gesammelten Informationen werden zusätzlich in einer Therapie-Datenbank aggregiert, die langfristig und nachhaltig das Wissen um Therapien dokumentiert und zugänglich machen soll.
Das Angebot kann ortsunabhängig in Anspruch genommen werden, ein Termin zur Vorstellung ist nicht erforderlich. Die Leistungen der KLINSE sind kostenlos und unabhängig. Die KLINSE wird unterstützt durch das Gesundheitsforum Baden-Württemberg, die Margarete-Müller-Bull Stiftung sowie die Stoll VITA Stiftung.

Presenterin: Dr. Christina Vossler-Wolf, ZSE Tübingen

Weitere Autorinnen: Elke Dannenmann-Stern, ZSE Tübingen; Katrin Jäger, ZSE Tübingen

 

„Der Patient im Zentrum bei den Gentherapien von Morgen"

Gentherapien repräsentieren die neueste Welle an medizinischer Innovation, indem sie erstmalig einen kausalen Behandlungsansatz bieten. In Deutschland sind derzeit zehn Gentherapien zugelassen (3) und bei der Europäischen Arzneimittelagentur befinden sich vier weitere im Zulassungsprozess4. Gentherapien treffen, noch, auf eine unvorbereitete Gesellschaft und behördliche Rahmenbedingungen, und sind nur in wenigen Fachzentren anwendbar (5). Darüber hinaus entstehen derzeit Gesetze, die eine langjährige Begleitung der Patienten nach Gabe fordern (6). Ziel all dieser Maßnahmen ist es, die Wirksamkeit und das Sicherheitsprofil von Gentherapien effektiv zu dokumentieren und evaluieren. Doch dies verlangt hochqualitative Daten, die strukturiert erfasst und idealerweise in internationalen Datenbanken zusammengeführt werden (7). Bei der mehrjährigen Erhebung der Daten muss der Patient ins Zentrum des Geschehens gerückt werden. Zudem sollte die Datenerfassung wohnortnah, zeiteffektiv und im gerechtfertigten Umfang geschehen, wobei Patientensicherheit und Wohlergehen an erster Stelle stehen müssen.

In der Hämophilie ist die gentherapeutische Forschung weit vorangeschritten und erste Gentherapeutika werden für das Jahr 2022 erwartet (8). Unter der Schirmherrschaft der World Hemophilia Federation (WFH), haben es sich Ärzte, Patientenorganisationen und Pharmaunternehmen zur Absicht erklärt, den Wert der Therapie, ihr Sicherheitsprofil und die anhaltende Wirksamkeit produktoffen in einem internationalen Register zu erfassen und als Langzeitbeobachtungsstudie wissenschaftlich zu begleiten (7,9).

Auch Pfizer ist bei diesem Projekt aktiver Unterstützer. Auch in Deutschland muss sich um innovative Lösungen für die Langzeitnachsorge bemüht werden, denn es gibt auch hier zunehmend Forderungen für Indikations- statt Produktregister (6,10), was letztlich eine bessere Vergleichbarkeit von Therapien ermöglichen wird. Hier sollten Patienten und medizinische Fachgesellschaften in den Diskurs gehen, wie die verschiedenen Phasen der Gentherapiebehandlung und -nachsorge regional geregelt werden, und mit welcher möglicherweise digitalen Unterstützung sich Sicherheitsaspekte, behördliche Anwendungsauflagen, Datenschutzaspekte und Lebensqualität des Patienten optimal vereinen lassen (11,12). Im Glücksfall entwickelt man hier bewährte digitale Apps und Softwarelösungen, wie Pfizer´s Haemoassist® 213, weiter, um zukünftigen gentherapierten Patienten Vertrautheit und Innovation zugleich auf Ihrer Reise anzubieten.

Quellen:
Verband forschender Pharmaunternehmen (vfa). Zugelassene Orphan Drugs. Online verfügbar unter: https://vfa.de/orphans (letzter Zugriff 28.06.2021)

(2) Achse. Seltene Erkrankungen.
(3) Paul-Ehrlich-Institut - Gentherapeutika (pei.de)
(4) Medicines for human use under evaluation | European Medicines Agency (europa.eu)
(5) Rascher et. Al. (2021) Monatsschr Kinderheilkd; 169 (Suppl 1): S18–S28
(6) Osterloh (2021) Dtsch Arztebl; 118(4): A-176 / B-156
(7) Konkle et al. (2020) J Thromb Haemost; 18(11):3074-3077; doi: 10.1111/jth.15023.
(8) European Medicines Agency Grants BioMarin's Request for Accelerated Assessment of Valoctocogene Roxaparvovec for Treatment of Severe Hemophilia A - May 24, 2021
(9) The World Federation of Hemophilia Gene Therapy Registry - Full Text View - ClinicalTrials.gov
(10) Arzneimittel-Richtlinie/Anlage XII: Onasemnogen-Abeparvovec (spinale Muskelatrophie) – Forderung einer anwendungsbegleitenden Datenerhebung und von Auswertungen - Gemeinsamer Bundesausschuss (g-ba.de)
(11) Miesbach et al. (2021) Haemophilia; doi: 10.1111/hae.14309. Online ahead of print.
(12) Ziegler et al. (2020) Nervenarzt; 91:518–529
(13) Tiede et al. (2020) Haemophilia; 26(6):999-1008

Presenterin: Dr. med. Tatjana Gabbert, Pfizer Pharma GmbH

Weitere Autoren: Dr. med. Tobias H. Lüke, Pfizer Pharma GmbH; Jörg König, Pfizer Pharma GmbH

 

„Kindgerecht informiert – von Anfang an: Therapieunterstützende Kinderbücher für die ganze Familie"

Seltene Erkrankungen sind eine besondere Herausforderung, vor allem wenn Kinder betroffen sind. Die ganze Familie muss lernen, damit umzugehen. Wir haben von Eltern erfahren, dass es oft nicht leicht ist, die richtigen Worte zu finden, um Kindern eine Seltene Erkrankung und was diese mit sich bringt, zu erklären. Deshalb unterstützen wir mit unseren Kinderbüchern, die wir gemeinsam mit Mediziner: Innen entwickelt haben. Kindgerecht aufbereitet und bunt bebildert helfen sie bei der Aufklärung der Kleinsten und begleiten so mit Freude die Therapie.

Kindergarten- & Grundschulbuch zu Seltenen Erkrankungen: „Ein Tier namens Selten"
Das Buch „Ein Tier namens Selten" richtet den Blick auf Seltene Erkrankungen und erklärt kindgerecht, dass „anders sein" etwas Besonderes ist. Das Buch bringt erkrankten sowie gesunden Kindern durch die beiden Protagonisten näher, dass jede/r Einzelne mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten etwas Besonderes ist und „anders sein" nicht negativ konnotiert oder gar stigmatisiert werden sollte. Dies verkörpert vor allem der Protagonist „Selten": Er ist flauschig, schuppig, kann fliegen und auch schwimmen – er ist anders und damit einmalig auf der Welt.

Kindergartenbuch zur Hämophilie: „Mika und das Zauberelixier"
Das Kinderbuch „Mika und das Zauberelixier" schafft mehr Verständnis für ein Leben mit Hämophilie und klärt über die Erkrankung auf. Es richtet sich an Kindergartenkinder, Eltern sowie Erzieher: innen. Durch die Abenteuergeschichte des Zauberschülers Mika und seinen Freunden kann so schon den Kleinsten Hämophilie leicht verständlich nahegebracht werden. Das Buch fördert die Integration von hämophilen Kindern und ist auch in Englisch verfügbar.

Kindergartenbuch zur Wachstumshormontherapie: „Maxi, Wühlbert und die Wachstumskrümel"
Gerade bei einer Therapie, die mit täglichem Spritzen verbunden ist, ist es wichtig, Kinder und Eltern von Beginn an zu bestärken, zu unterstützen und zu motivieren – und zwar kindgerecht. Dieses Buch richtet sich an Kindergartenkinder und Eltern, die mit einer Wachstumshormontherapie beginnen. Sehr anschaulich und mit viel Feingefühl erklärt der Maulwurf Wühlbert dem jungen Baum Maxi, wie er so groß und stark wie die anderen Bäume im Wald werden kann und unterstützt ihn tatkräftig dabei. Neben einem Wissensquiz und einem Ausmalbild beinhaltet das Buch hilfreiche Tipps für die Eltern bei Spritzenangst.

Presenterin: Katja Kadzinga, Pfizer Pharma GmbH

Weitere Autorinnen: Cathleen Peterson, Pfizer Pharma GmbH; Ulrike Grossheim, Pfizer Pharma GmbH; Barbara Bentlage, Pfizer Pharma GmbH

 

„IMPACT - Improvement of Motoric Abilities in Patients with Cystinosis"

Hintergrund: Die infantile nephropathische Cystinose ist eine seltene lysosomale Speichererkrankung, die u.a. die Muskulatur betrifft. IMPACT soll zeigen, ob regelmäßiges Training mit Vibrationsplatte oder -hanteln die Muskulatur und kardiorespiratorische Ausdauer bei Cystinose-Patienten steigert. Übergeordnetes Ziel ist es schwerwiegende medizinische Interventionen langfristig zu vermieden und die Lebensqualität zu verbessern. Das Training zu Hause und kurze Dauern soll die Integration in den Alltag erleichtern.

Methodik: IMPACT ist eine unverblindete randomisierte, kontrollierte Studie. Die Teilnehmer trainieren in 10 Einheiten à 10 Minuten pro Woche über 14 Wochen zu Hause mit Vibrationsplatten bzw. -hanteln. Zu Beginn und am Ende der Studie findet eine medizinische Untersuchung im Rahmen der interdisziplinären Cystinose-Sprechstunde statt. Dort und an zwei zusätzlichen Zeitpunkten werden außerdem die Haltung, Beweglichkeit, Muskelkraft, Ausdauer und Balance beurteilt und psychologische Parameter erhoben.

Ergebnisse: Zum aktuellen Zeitpunkt haben 23 Erwachsene das Training, sowie drei von vier Messzeitpunkte absolviert. Erste Auswertungen werden aktuell durchgeführt. Die Durchführung der Studie mit 16 Kindern startet im Herbst 2021.

Presenterin: Nadine Herzig, Schön Klinik München Harlaching

Weitere Autorinnen und Autoren: Katharina Hohenfellner, RoMed Klinikum Rosenheim; Inga Jarosch, Schön Klinik Berchtesgadener Land; Susanna Bechtold-Dalla Pozza, Klinikum der Universität München; Christian Köppi, Klinikum Traunstein; Harald Schubert, Novotec Medical GmbH; Johannes Willnecker, Novotec Medical GmbH

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Flash-Talks-Sessions live am 23.09.2021 sowie im Nachgang auf achse.live